13. Mai 2018
Der geschätzte Leser fragt sich sicher, ob denn das Rudel bereits als ein Rudel zusammen lebt.
Nun, da muss ich etwas ausholen. (Achtung, viel zu lesen)
Man hatte ja vor unserem Rudel bereits ein anderes Rudel. Die Waffi war Mitglied, ebenfalls in der Funktion eines Nanny-Hundes, ihre Zwillingschwester Witch war die Beta-Hündin und die Mama Demi war die leitende Alpha-Hündin. Die nicht-verwandte Fuchsi hatte die Funktion der Wächterin, später kam dann noch die Calzi als jüngstes (und somit in dieser Konstellation unproblematisches) Mitglied hinzu.
Als immer wiederkehrende Mitglieder hatten wir die Dackelhündin Kati aus der Nachbarwohnung, manchmal die Cara oder deren Schwester Candy und den Rüden Diego, der untertags bei uns wohnte, wenn sein Herrchen arbeiten war.
Diese Hunde waren alle "richtige" Hunde, die erzogen waren und wo man sich einmischte, wenn was nicht ganz den Wünschen entsprach. (Erst mit mir startete der Versuch, Hunde wie Wölfe zu betrachten und nicht mehr die erste Geige zu spielen).
In das alte Rudel konnte man jeden Hund einführen, da der Revieranspruch in menschlicher Hand lag und das Rudel sich auch sonst in der normalen Abängigkeit bezüglich Fressen etc befand und daher jeden Menschen und dessen Ansprüche als göttlich empfand und perfekt gehorchte.
Mit mir startete also der Versuch, ob sich Hunde in autarke Wölfe zurückverwandeln würden, wenn man sie weder konditioniert noch den Alpha-Platz einnimmt.
Man hatte vor dem Experiment keine Angst, da man ja durch das alte Rudel wusste, wie schnell man Hunde konditionieren und wieder "zahm" machen kann.
Man war ob meiner natürlichen Veranlagung zum Alpha-Hund und meiner wölfischen Art sehr fasziniert und wusste, dass ich sowieso kein richtiger Hund im herkömmlichen Sinn bin, also keinerlei Chancen bei Polizei, IPO etc je gehabt hätte, aber aus natürlicher Sicht betrachtet perfekt bin.
Man "erzieht" jetzt also bereits den dritten Welpen nach Wolf-Prinzip (das heisst man mischt sich nicht ein und überlässt die Erziehung dem Nanny-Hund) und hat folgendes an äußerlichen Fakten festgestellt:
Bis auf die Ganymed trägt keines der Rudelmitglieder die Rute wie ein Hund, sondern wie ein Wolf - also waagrecht, eher gesenkt und kaum gebogen - auch bei Freude und Wedeln.
Beim Spielen kräuseln wir immer die Nase und zeigen das Gebiss (das kam beim alten Rudel sehr selten vor)
Wir verstehen außerordentlich gut deutsch und können ganze Sätze perfekt deuten.
Unsere Geräusche sind beim Spielen wesentlich lauter.
Es wird sehr oft geheult statt gebellt.
Wir sind eigenständiger - können selbst Wasserhähne aufdrehen, Schränke öffnen, Verschluss-Drähte oder Reiber aufdrehen etc. Wir verschieben Tische oder Sessel, um auf Mauern klettern zu können und arbeiten Hand in Hand, um Ziele zu erreichen, was ja angeblich den großen Unterschied zwischen Hund und Wolf ausmacht.
Insgesamt sind wir viel ruhiger und ausgeglichener, wirken nach außen aber viel lauter, wilder und triebstärker beim Spielen.
Wir (vor allem das Alpha-Paar) bestimmen selbst, wie wir das Rudel gestalten und machen das genau so, wie man es von den Wölfen gelesen hat.
Wenn jemand um Einlass ins Rudel bittet, muss er das perfekt machen und beweisen, dass er für das Rudel wertvoll ist und die Chefs und deren Entscheidungen respektiert.
In freier Natur wären unsere Kinder vom ersten Moment an vollwertige Rudelmitglieder und auf Lebzeiten sehr willkommen. Außenstehende Rudelmitglieder müssen erst oben erwähnten Beweis erbringen.
Der Rasti hat einen mega Instinkt (man weiss nicht woher er den hat, aber er ist ein kleiner Wolf) und begann den Isegrim in Sachen Rudelanfrage ab ca 4 Monaten intensiv zu unterrichten.
Es ist das Alter, wo der Isegrim teilweise bereits bei der Jagd etc mithelfen könnte. Dass der Isegrim mit uns verwandt ist, ist ein großer Vorteil, aber noch keine Eintrittskarte.
Ich habe zu diesem Zeitpunkt sowohl den Isegrim als auch den Rasti kennengelernt und beide als sehr nett empfunden. Wir drei Burschen kommen perfekt miteinander klar.
Aber wie auch im Wolfsrudel hat die Dame des Hauses das letzte Wort, und die entscheidet nicht nach Sympathie sondern nach Fakten.
Sie hätte also jedes Rudelmitglied, das sich vorstellen möchte, zunächst einmal aus dem Revier verjagt - wenn derjenige es ernst meint, kommt er wieder und beweist somit seine Ernsthaftigkeit.
Diese Platzverhältnisse haben wir aber leider nicht. Dass sich auf der Strasse alle verstehen würden hat nichts damit zu tun, ob sie im Revier willkommen sind.
Also muss man bei Isegrim und Ganymed so lange warten bis der Isegrim ein Mann ist, der der Ganymed eine Goschn anhängt und ihr somit beweist, dass er was draufhat.
Das ist so ähnlich wie damals bei mir und der Calzi - ich musste erwachsen sein, um sie zu treffen.
Wir haben folgenden Zwischenstand:
Der Rasti ist ja bekanntlich Hunde-Therapeut und hat über das Küchenfenster die Calzi therapiert. Isegrim, Rasti und Calzi können jederzeit ohne irgendeine Trennung zusammen sein. Man wählt aber oft einen kleinen Zaun zwischen zwei Zimmern, da sich die Calzi gerne zurückzieht und viel Ruhe braucht - der Isegrim kann manchmal recht aufdringlich werden, akzeptiert den Zaun aber vollkommen.
Ich kann mit allen Hunden jederzeit, aber man weiss, dass ich Befehle zur Maßregelung bei schlechtem Benehmen ausspreche. Die Maßregelung wird durch die Beta-Position ausgeführt, also durch Calzi oder auch Ganymed. Dazu möchte man es nicht kommen lassen (weil ja das Revier nicht gross genug ist) und sorgt dafür, dass sich alle benehmen und wir momentan noch nicht in aufgeregten Zuständen aufeinander treffen.
Große Sorge hat man bezüglich der zwei Damen. Es ist nicht vorgesehen, dass die Calzi Teil des Großrudels wird, weil die es auch gar nicht wollen würde, aber man hatte Angst, dass die beiden Mädels sich zerfleischen würden, wenn sie mal zufällig aufeinander träfen.
Beide sind unnachgiebige Kämpferinnen, und die Ganymed gibt immer wieder klar zu verstehen, dass die Calzi die Küche (unseren Fress- und Schlafplatz) nicht betreten darf.
Und genau am Geburtstag - also am 13. Mai - ist es passiert. Durch einen blöden Zufall trafen die beiden Damen in der Küche zusammen.
Binnen einer Zehntelsekunde ging es los und sie stürzten aufeinander.
Man war zum Glück anwesend und ging dazwischen.
Dass das schlimm ausgehen kann, wusste man von früheren Hundekämpfen, wo man jetzt noch Narben an den Beinen hat, weil man in den Fleischwolf geraten ist.
Und da staunte man nicht schlecht über das, was sich dann ereignete.
Ein lächerliches und unbedachtes "Calzi, hör sofort auf und geh ins Bad" zeigte Wirkung. Die Calzi ging wirklich in der Sekunde ins Bad.
Die Ganymed war aber immer noch der Überzeugung, dass auch das Bad zum Revier gehört und die Calzi auch dieses gefälligst zu verlassen habe.
Man hatte die Ganymed zwar am Krawattl, aber die Ganymed hat ein sehr eng anliegendes Fell, da sie ein schlankes Muskelpaket ist. Sie riss sich also los und war wieder auf der Calzi oben, die wieder einen ordentlichen und unnachgiebigen Gegner darstellte.
Also machte man das ganze nochmal. Man erwischte die Ganymed wieder am Krawattl und schrie die Calzi an, dass sie auf den Balkon gehen solle. ...Und die Calzi tats...
Dann sagte man mir "Sperr der Calzi den Weg ab", da selbige bereits sehr aufgebracht und mittlerweile durchaus an einem Kampf interessiert war, was durchaus den Tod einer der beiden Mädels hätte bedeuten können. Ich stellte mich sofort quer in die Balkontür und stellte, um meiner Forderung Nachdruck zu verleihen, die Rückenhaare auf.
Man bugsierte die Ganymed ins Bad und schloss die Tür. Ich begrüsste ab da höflich die Calzi und wir plauderten kurz.
Es gab keinerlei Verletzungen.
Man war extrem erstaunt, dass man in unserem Rudel innerhalb des Reviers doch eine Respektsstellung inne hat (auf der Strasse ist das was anderes, da kann man gut bestimmen) und auch ich keine Befehle gab, sondern mich auf den Menschen und seine Taktik nicht nur verlassen sondern auch mitgemacht habe.
Man meinte dann, dass wir Hunde ein großes Rätsel sind und man es sich nicht erklären kann, dass man in Extremsituationen mehr zu melden hat, wenn das Rudel wölfisch ist als bei einem gut erzogenem Rudel, das einem sonst an den Lippen hängt, aber in Extremsituationen durchaus nicht mehr für Befehle zugänglich ist.
Ich finde es super, dass wir Hunde Rätsel aufgeben, denn ich mag Rätsel und möchte auch als geheimnisvoll gelten.
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